GESTALTWECHSEL, 2025

Sub/Versionen einer weisen Hemdbluse

Wenn Gebrauchsgegenstände ihre Existenz der menschlichen Geschicklichkeit verdanken, Gegenständliches zu brauchen und zu nutzen, wenn Waren ihre Existenz der menschlichen »Neigung zum Tauschen und Einhandeln« (Smith) schulden, dann entstehen Kunstwerke aus der menschlichen Fähigkeit, zu denken und zu sinnen. […] Alles Verdinglichen ist Verwandlung und Transformation, aber die vergegenständlichende Verdinglichung, die das Kunstwerk dem ihm zugrundeliegenden Inhalt zufügt, ist eine Transfiguration, eine Metamorphose so radikaler Art, daß (sic!) es ist, als könne in ihm der natürliche Lauf der Dinge umgekehrt werden…

— Hannah Arendt, 2016, S. 203

Hannah Arendts Zitat leitet unmittelbar zum wesentlichen Ansinnen hin. Ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand in Form einer weißen Bluse wird zum selbstagierenden Subjekt, das für seine Erzählung keines menschlichen Körpers mehr bedarf. Die vom Alltagszweck befreite weiße Bluse wird selbst zum Subjekt und transformiert sich in autonome Sinnbilder. Gefaltet, gelegt, geschwungen, einzeln, paarweise oder in Gruppen werden die Themen menschlicher Existenz im Wortsinn nachgebildet, aufgezeigt, in Frage gestellt, umdefiniert, verwandelt. Der abwesende physische Körper lässt hier einen neuen Raum entstehen – in dem wir uns das „Fehlende“ in den Bildern selbst vorstellen können oder die Verwandlungen neu begreifen.

Als Inbegriff des Puritanismus bezeichnet Hans Ulrich Gumbrecht in Standard (9. 4. 2010) die executive blouses, die weißen, gestärkten Blusen der Managerinnen. Die weiße Farbe steht für Sauberkeit, Perfektion, Ehrlichkeit, Genauigkeit, Verlässlichkeit, Anfang, Unschuld – und andere Tugenden aus dem gesellschaftlich kodierten Disziplinierungsregelwerk in unserem Arbeit- und Lebensalltag. Von diesem Hintergrund befreit entfliegt die weiße Bluse hier wörtlich in einen entgrenzten Vorstellungsraum und sprengt damit die herkömmlichen Definitionen der eigenen Zweckmäßigkeit.

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